Geschichte des Jüdischen Berlins

Neue Synagoge Seit Mitte des 13. Jahrhunderts haben sich Juden in Berlin niedergelassen, jedoch waren diese Ansiedlungsversuche bis zum 16. Jahrhundert meist nur von kurzer Dauer und endeten mit der Vertreibung. 1671 erließ Kurfürst Friedrich Wilhelm ein Edikt, das 50 jüdischen Familien Schutz gewährte. Den 10. September 1671, an dem die ersten Schutzbriefe für zwei österreichische Familien ausgestellt wurden, betrachten Historiker als Gründungsdatum der jüdischen Gemeinde zu Berlin.
Wie überall bemühten sich die zugelassenen Familien schnellstens um einen Beerdigungsplatz, den sie 1672 an der Großen Hamburger Straße erwerben konnten. Dagegen konnte das im Edikt von 1671 enthaltene strikte Verbot, Synagogen zu errichten, erst nach 40 Jahren überwunden werden: 1714 wurde in der Heidereutergasse die erste Gemeindesynagoge gebaut. Die Judenpolitik im 18. Jahrhundert war wesentlich bestimmt durch die Bestrebungen, die jüdische Gemeinde klein zu halten, hohe Abgaben zu erzielen und die wirtschaftlichen Aktivitäten ihrer Mitglieder auf bestimmte Bereiche festzulegen. Unter diesen Bedingungen gab es zwei Personenkreise, die im Berlin des 18. Jahrhunderts einige Bedeutung erlangen konnten: Zum einen sind dies die Hoffaktoren, d.h. zum Hof gehörige Juden, deren Aufgabe in der Versorgung des Hofes mit Luxusgütern, der Ausstattung des Heeres und in der Vermittlung von umfangreichen Kreditgeschäften bestand. Zum anderen war Berlin Zentrum jüdischer Manufaktur- und Fabrikgründungen, die Manufaktoren ein wichtiger Personenkreis. Hofjuden und Manufaktoren wurden zur treibenden Kraft von Aufklärung, bürgerlicher Gleichstellung und gesellschaftlicher Annäherung.
Erst 1812 erlangten die Juden in Preußen per Edikt die Deklaration zu "Einländern und preußischen Staatsbürgern". Das zähe Ringen um die Rechte dieses Ediktes, ihre Rücknahme und Wiedererteilung wird sich über viele Jahre hinziehen. 1850 schließlich ist die weitgehende politische Gleichstellung durchgesetzt. Innerhalb der jüdischen Gemeinde führen die gesellschaftlichen Strukturen, rechtlichen Einschränkungen und religiösen Orientierungen zur Herausbildung verschiedener Strömungen: 1845 entstand die "Reformgemeinde", ein breites Feld der Gemeindemitgliedschaft bekannte sich zur Bewahrung der Tradition mit einigen liberalen Elementen, 1869 formierten sich konservative Strömungen zur Religionsgemeinschaft "Adass Jisroel".

Zu dieser Zeit, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, zählen bedeutende Teile der jüdischen Gemeinde zum Großbürgertum, bis Berlin durch seine geographische Lage und politische Bedeutung zu einem der Hauptziele der aus Osteuropa in den Westen wandernden Juden wurde: Arbeiter, Bauern, Handwerker und Kleinhändler, mehrheitlich der religiös orthodoxen Richtung zugehörig, siedelten sich in großer Zahl im "Scheunenviertel" an. War die Gemeinde vor dem Krieg mit 172.000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde Deutschlands, ist sie auch heute wieder die am stärksten wachsende jüdische Gemeinde nach der Wende (12.000 Mitglieder), aufgrund der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion.




Quelle:
Jersch, Thomas und Steffi Jersch-Wenzel, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Berlin. In: Wegweiser durch das jüdische Berlin. Berlin: 1987